VOICES

2024

SCHATTEN KAUEN
Von Johanna Locher


Wann wird aus einer Umarmung eine Bedrohung? Wann wird aus nahe zu nah? Der Schatten im Apfelbaum scheint dieser lauernde Kippmoment an sich zu sein. Ein Wesen klammert sich fest am Stamm und fegt die Idylle wortlos beiseite. Oder verschluckt sie und atmet im selben Zug den Schatten aus. Ist es die Dunkelheit aus dem Innern des eigenen Körpers, die es verströmt?

Lisa Beckers Malerei ist durchzogen von Berührung. Dabei ist nicht klar, ob es Rippen, Ärmchen oder Krallen sind, die sich ineinander verzahnen, die zu einer Umarmung werden oder zu Steinen in einer Landschaft. Ist es ein Betasten oder ein Aufeinander-Kauen? Es ist zumindest ein Greifen nach Nähe, ein Suchen nach dem letzten Rest Distanz. Die verschlungenen Körper befinden sich auf der Grenzlinie zwischen Halt und Übergriff und lassen den Schatten zwischen ihnen keinen Raum.

Unter der Oberfläche ist jeder Körper gefüllt mit Dunkelheit. Hier finden Gefühle statt und werden aus ihr heraus versprachlicht. Was die Worte nicht aufnehmen können, wird in Gestik übersetzt oder sinkt in die Dunkelheit zurück. Sind es diese unsagbaren Reste, auf denen Becker rastlos kaut? Was nicht formuliert werden kann, sammelt sich, versammelt sich zu einem Konglomerat, wird dichter und schwerer, bis es dumpf blockiert. Das Unsagbare verfestigt sich und bleibt doch unsichtbar, hier aber wird es vermutbar.

Becker arbeitet so nahe am Körper, dass dieser zu einer Landschaft wird. Es geht um das Gegenteil der Vorstellung, dass ein Körper ein abgeschlossenes System ist. Unter behutsamer Fragmentierung wird das Innen ans Licht geholt und beobachtet. Steine markieren einen Weg, der sich in eine Figur schiebt. Oder sind es doch Zähne, die den Himmel abgrenzen? Ist die Vermutung nach landschaftlicher Bewegung, nach Prozess, begründet? Oder ist das Fließen, das in den Bildern steckt, der Trugschluss, und die Versteinerung ist bereits vollzogen? Ein Bild ist ein fester Moment und in welche Richtung die Bewegung geht, ist nicht ersichtlich. Aus einem Festhalten wird unweigerlich ein Loslassen. Hier passiert es zögerlich, denn jedes Loslassen könnte für immer sein.

Nach oben scrollen